WerbeBox

Feldbeichte von Gottfried Keller



Feldbeichte

Im Herbst, wenn sich der Baum entlaubt,
Nachdenklich wird und schweigend,
Mit Reif bestreut sein welkes Haupt,
Fromm sich dem Sturme neigend:

Da geht das Dichterjahr zu End',
Da wird mir ernst zu Mute;
Im Herbst nehm' ich das Sakrament
In jungem Traubenblute.

Da bin ich stets beim Abendrot
Allein im Feld zu finden,
Da brech' ich zag mein Stücklein Brot
Und denk' an meine Sünden.

Ich richte mir den Beichtstuhl ein
Auf ödem Haideplatze;
Der Mond, der muß mein Pfaffe sein
Mit seiner Silberglatze.

Und wenn er grämlich zögern will,
Der Last mich zu entheben,
Dann ruf' ich: "Alter, schweig' nur still,
Es ist mir schon vergeben!

Ich habe längst mit Not und Tod
Ein Wörtlein schon gesprochen!"
Dann wird mein Pfaff vor Ärger rot
Und hat sich bald verkrochen.

Gottfried Keller (1819 - 1890)


Übersicht aller Herbstgedichte im Blog hier
Übersicht der Beträge zum Thema Herbst hier 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Aufruf

Wenn Ihnen diese Beiträge gefallen, würde ich mich über einen Beitrag für meine Tätigkeit freuen. Wobei durch Ihre Spende der Ausbau des Blogs finanziert wird. Danke ;)
Am Sammelpool beteiligen

Beliebte Posts der letzten sieben Tage